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Jeden Tag geht Jonas in den Park. In seiner linken Hand trägt er einen Korb – einen Katzenkorb.
Lucille ist eine Wohnungskatze, die nur so etwas von der Welt sehen kann.
Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb Jonas sie mitnimmt. Lucille ist seine Freundin, sie ist seine Beschützerin. Mit ihr fühlt er sich nicht allein, wenn er an den Menschen vorbeigeht.
Es gab eine Zeit vor Lucille, aber daran denkt Jonas nicht mehr. Nicht an seine Frau und nicht an seine Tochter. Zu schmerzlich ist die Erinnerung an den Tag, an dem sein Leben sich ohne Vorwarnung änderte, an den Tag, an dem seine Familie bei einem Autounfall ums Leben kam.
Seitdem lebt er in einer kleinen Wohnung in der Innenstadt. Er hat keine menschlichen Freunde. All die, die er kannte, haben sich nach und nach von ihm abgewandt. Sein Schwermut, seine Sprachlosigkeit, seine Verbitterung haben sie vertrieben. Nun gibt es nur noch Lucille. Und sie ist es auch, die Jonas am Leben hält.
Zu sinnlos schien ihm das Leben nach dem Ereignis. Zu ungerecht. Eigentlich hätte er sterben wollen und manchmal wundert er sich über sich selbst, dass er noch am Leben ist. Aber jetzt, da Lucille da ist, kann er sie nicht verlassen.
Wenn Jonas bei seinen Spaziergängen durch den Park geht und mit seiner Katze spricht, dann fühlt er, wie die Leute ihn ansehen, als wäre er jemand, der nicht dazu gehört, ein Kranker, ein Bemitleidenswerter.
Ist es verkehrt, dass er mit Lucille spricht, dass er mit ihr spazieren geht? Ist es denn unmenschlich?
Jonas fragt nicht mehr, denn er weiß etwas, das wirklich zählt. Lucille hört ihm zu. Sie zeigt ihm, dass sie ihn mag.
Wenn Jonas mit seinem unsicheren Gang, den herabhängenden Schultern und dem leicht geneigten Kopf durch den Park geht, dann sehen ihm die Leute hinterher. Aber sie sehen niemals ihn.
Auf einer Bank lässt er sich mit Lucille nieder. Hier sitzen sie an schönen Tagen mehrere Stunden und betrachten die Wiese gegenüber. Dort spielen manchmal Kinder. Dort lachen die Menschen.
Jonas betritt die Wiese nicht. Seinen Platz hat er verloren und lange schon nicht mehr gelacht.
Fast gleichgültig scheint er dazusitzen. Doch seine Augen folgen den Kinderschritten. Und manchmal denkt er an seine eigene Kindheit, an die Tage, an denen er sich so sicher, so aufgehoben gefühlt hat
Ein Ball fliegt in seine Richtung und landet vor seinen Füßen. Er sieht den Ball an und spürt den Impuls sich zu bewegen, den Ball aufzuheben und zurückzuwerfen zu dem Jungen, der schon in seine Richtung gelaufen kommt. Aber sein Körper fühlt sich schwer an, er kann es nicht.
Dann steht der Junge vor ihm. Er ist wahrscheinlich ungefähr acht. Seine Augen sehen freundlich aus. „Wie heißt denn die Katze?“ fragt er. Jonas antwortet sehr leise „Das ist Lucille.“ „ Ich hatte auch eine Katze,“ sagt der Junge, „aber sie ist gestorben.“
Jonas antwortet nicht.
„Meine Freunde nennen dich den Katzenmenschen. Sie sagen du spinnst. Aber ich denke das nicht. Ich habe auch mit meiner Katze geredet.“
Jonas hebt den Kopf ein wenig. „Wenn du willst, kannst du mit Lucille reden,“ sagt er unsicher.
Da ruft seine Mutter nach dem Jungen und er lächelt den Katzenmenschen an und läuft dann schnell zurück zu den anderen.
Jonas sieht ihm hinterher und denkt an seine Tochter. Sie könnte jetzt in seinem Alter sein. Wenn nur dieser eine Tag nicht gewesen wäre, wie würde sein Leben aussehen? Dann würde er diese Wiese nicht von der Bank aus betrachten. Nein, er würde dort mit seiner Frau und seiner Tochter sein. Er würde mit ihnen Ball spielen und lachen.
Wer würde dann wohl auf seiner Bank sitzen? Vielleicht ein anderer seltsamer Mann, ein Spinner, jemand, den er nicht weiter beachten würde.
Aber nun war er der Spinner und dies war seine Bank.
Jonas sitzt noch eine Weile da und blickt auf die Wiese. Dann geht er nach Hause. Er betritt seine kleine Wohnung, stellt den Katzenkorb ab und öffnet Lucille das Gitter.
„Es ist Zeit zu essen“, sagt er und holt zwei Dosen aus dem Küchenschrank. Eine für sich selbst und eine für Lucille. Er stellt den kleinen Topf auf den Herd und füllt die Ravioli ein. Lucille bekommt ihr Futter gleich. Als sie fertig ist, nimmt Jonas das Essen vom Herd, füllt es in einen Teller und setzt sich damit an den Tisch. Lucille macht es sich dabei auf seinem Schoß gemütlich.
Der Tag ist jetzt fast zu Ende. Nicht viel wird mehr passieren. Sie werden noch ein wenig fernsehen und dann schlafen gehen. Und am nächsten Morgen werden sie wieder aufstehen und nach dem Mittag in den Park laufen.
Und doch wird es nicht der selbe Tag sein und nicht die selben Menschen. Und da wird ein Junge sein, ein Junge mit einem Ball. Ein Junge, der früher auch einmal eine Katze hatte.
Und er wird sich zu Jonas und Lucille auf die Bank setzen und mit ihnen reden.
Und so wird auch die Bank nicht mehr dieselbe sein. Denn auf dieser Bank wird ein Junge sitzen, der anders ist als die meisten Menschen im Park. Doch er ist nicht krank. Und so ist es auch dieser Junge, der erkennt, dass Jonas nicht krank ist.
Morgen werden sie gemeinsam auf der Bank sitzen und eines Tages wird Jonas von der Bank aufstehen und hinüber auf die Wiese gehen.
30.12.06